Offener Brief Prof. Dr. Borrmann

Betreff: Stellungnahme zur Schwimmbadsituation und zur Initiative proHallenbad

Sehr geehrte Frau Breyer, Sehr geehrter Herr Claus, Sehr geehrte Mitglieder der Fraktionen,

wenn man, wie wir, oft bei wissenschaftlichen Expeditionen an Bord von Forschungsflugzeugen oder -schiffen mitarbeitet, muss jedesmal ein sogenanntes „Sea-survival-training“ absolviert werden, inklusive theoretischer und praktischer Abschlussprüfung. Hier lernen und üben die Teilnehmer unter realen Bedingungen etwa im 8°C kalten Wasser der Weser, wie man sich bei der Notwasserung eines Flugzeugs verhält, wie man mit den Schwimmwesten, den Survivalsuits, den Rettungsinseln, sowie den vielen anderen Bestandteilen der Notfallausrüstung umgeht. Voraussetzung für die Teilnahme bei diesen Trainings, und damit implizit bei unseren Expeditionen, ist natürlich, dass man schwimmen kann. Da wir immer Gruppen von Studierenden, Promovierenden,
und fertig Graduierten, also junge Leute aus vielen Ländern der Welt mitnehmen, wurde mir bei den Sea-survival-trainings schnell klar, dass das Schwimmen-können eine Kulturtechnik ist, die bei weitem nicht überall mit Selbstverständlichkeit vermittelt wird. Sie würden sich wundern, wie viele 􀍴und darunter stark zunehmend auch deutsche􀍴 ansonsten sportlich vollkommen fitte junge Wissenschaftler praktisch sofort in Lebensgefahr sind, sobald sie sich in tieferem Wasser befinden. Deswegen müssen wir seit Jahren vor geplanten Expeditionen regelmäßig Teilnehmer erst zu Crash-Schwimmkursen schicken, was meistens allerdings nicht wirklich hilft. Dies mag ein reichlich spezieller Blickwinkel auf die Thematik „Möglichkeiten für Schwimmsport und- ausbildung“ sein, aber leider sehe ich hier aus erster Hand, was die DLRG schon seit Jahren zunehmend kritisiert, nämlich, dass die Zahl der Nichtschwimmer unter den Kindern und jungen Leuten stetig und stark zunimmt. Ich selbst bin davon nicht betroffen, weil ich seit 52 Jahren aktives Mitglied zuerst des 1.SSV Ingelheim und dann bis heute des Tauchclubs Koralle bin, sowie in normalen Zeiten zwei- bis dreimal pro Woche im Freibad oder der Rheinwelle längere Strecken schwimme. Allerdings gehe ich wegen der beengten Lage dort auch immer häufiger in den Rhein, was eigentlich wegen der damit verbundenen Gefahren nicht allgemein empfohlen werden kann.

Dass die Rheinwelle vollkommen unterdimensioniert ist, wird Jedem sofort klar, die/der sich einmal dorthin begibt und auch zu Randzeiten versucht, eine Zeit lang durchgehend zu schwimmen. Versuchen Sie das doch einmal mit Ihren Kindern und/oder Enkeln. Oder, sollten Sie nicht direkt „Wasser-affin“ sein, dann könnten Sie einen der Wassersport treibenden Vereine während der Trainingszeiten besuchen. Sie werden schnell erkennen, dass zwei weitere Bahnen, die für eine Erweiterung der Rheinwelle diskutiert werden, nahezu völlig zwecklos wären. Für die Schulen und Vereine bekommen Sie  somit praktisch keine Entlastung, für die Individualbesucher schon gar nicht.

Ein weiterer Aspekt sind die vielen Rentner, Pensionäre und Senioren, die ich morgens ab 08:00 im Freibad zuverlässig antreffe. Hier hält sich eine nicht unerhebliche Anzahl älterer Leute, für die Joggen zumeist keine Option (mehr) ist, fit -häufig auch im Sozialverband- und entlastet neben allen anderen positiven Wirkungen damit das auch Gesundheitssystem. Dieses lebensfrohe Völkchen dort so wahrzunehmen tut auch uns (noch) Jüngeren gut, sieht man doch direkt, wie man auch im fortgeschritteneren Alter sehr beweglich bleiben kann. Oft weichen sie allerdings mit einer gewissen, durchaus wahrnehmbaren Resignation auf die Sprunggrube aus, weil die Bahnen im Hauptbecken des Freibads zumeist „besetzt“ sind mit Leuten, tja wie eben auch mir, oder vielen anderen offenbar Schwimmsporttreibenden, die ansonsten keine echten Trainingsmöglichkeiten finden. (Bemerkenswert finde ich übrigens, dass in praktisch allen Ländern der Welt, in denen ich beruflich unterwegs war, die Schwimmbäder oder Sportzentren mit Pools mit großer Selbstverständlichkeit schon um 06:00 oder 06:30 öffnen – also nicht erst um 10:00 wie in der Rheinwelle -, sogar in Taipeh, Manaus, oder Inuvik und Kiruna (kanadische und schwedische Arktis); in den USA sowieso.)

Die Möglichkeiten ganzjährig Schwimmen zu gehen sind also nicht nur für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene (inklusive mancher Wissenschaftler) und Familien mit Kindern von enormer Bedeutung, sondern gerade auch für die Senioren. Das gleiche trifft natürlich besonders für die vielen Wassersport treibenden Vereine bis hin zum Ingelheimer Segelclub e.V. (mit seiner phänomenalen Jugendarbeit), sowie die Schulen zu.

Wenn eine derartige Infrastruktur von solcher Bedeutung für den gesamten Altersquerschnitt und so viele soziale Segmente der Bevölkerung ist, dann sollte dies von der gewählten Politik adäquat gefördert werden. Dies ist mit der geplanten Erweiterung der Rheinwelle definitiv nicht der Fall. Es geht also nicht um einen „Aufwuchs ins Luxussegment“ hinein, sondern um das Beenden einer eklatanten Mangelsituation, die seit Öffnung der Rheinwelle ganz offensichtlich besteht. Ich würde Sie deswegen darum bitten, gelegentlich die Rheinwelle wirklich zu besuchen, um sich eine „realitätsnahe Kalibration“ zum Status-quo zu verschaffen. Und darum, sich für die größere Lösung mit dem Hallenbad und 50 m Bahnen für Ingelheim und die Region einzusetzen. Deswegen unterstütze ich die Initiative proHallenbad.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Stephan Borrmann

 

Offener Brief Prof. Dr. Borrmann